
Frida Kahlo auf der weißen Bank, 1938
Sammlung Nickolas Muray Photo Archives,
Foto: Nickolas Muray, © Nickolas Muray Photo Archives/ VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Ein Linienbus, unterwegs in Mexiko-City, biegt in die Calzada de Tlalpan in Richtung Coyoacán. In entgegengesetzter Richtung nähert sich der Straßenbiegung und dem Bus eine Straßenbahn gefährlich. Der Bus kann dem drohenden Zusammenstoss nicht mehr ausweichen. Die Straßenbahn kracht in das hölzerne Gefährt und drückt es mit großem Knirschen gegen eine Wand bis der Bus krachend auseinanderbricht. Einige Buspassagiere sterben noch am Unfallort, andere erliegen später ihren schweren Verletzungen. Ein junges Mädchen, gerade 18 Jahre alt, das zusammen mit ihrem Freund in dem Bus auf dem Heimweg ist, wird von einer Eisenstange durchbohrt. Als ihr die Eisenstange nach dem Unfall herausgezogen wird, schreit das Mädchen so laut, dass es selbst die Sirene der nahenden Ambulanz übertönt, erinnert sich später der Freund.
Der Unfall ereignete sich am Nachmittag des 17. Septembers 1925 und das schwer verletzte junge Mädchen hieß Magdalena Carmen Frida Kahlo y Calderón und wurde später Mexikos berühmteste Malerin.
Fridas Verletzungen waren verheerend: »Fraktur des dritten und vierten Lendenwirbels, drei Beckenbrüche, (elf) Frakturen des rechten Fußes, Luxation des linken Ellenbogens, tiefe Unterleibsverletzungen verursacht durch eine Eisenstange, die durch die linke Hüfte eindrang und am Geschlecht wieder austrat.« (Zit. n. Raquel Tibol 2005, S. 19)
Frida Kahlos Leben hing damals an einem seidenem Faden. Sie überlebte und lernte später, anders als ihre Ärzte vermuteten, wieder zu laufen. Der Unfall und ihre Verletzungen, das Leid dieses Ereignisses prägten aber ihr gesamtes Erwachsenenleben und beeinflussten ihre Kunst maßgeblich.
Die Verletzungen und die folgenden Operationen banden Frida Kahlo für lange Zeit nach dem Unfall ans Bett. Die Nähe zum Tod traumatisierte das junge Mädchen so sehr, dass sie oft an Angstzuständen litt. In der Tristesse des langen Genesungsprozesses versuchten die Eltern ihre Tochter aufzumuntern. Der Vater lieh ihr Ölfarben und die Mutter ließ ihrer Tochter eine spezielle Staffelei anfertigen, mit der sie im Liegen malen konnte. So entdeckte Frida Kahlo ihre Affinität zur Malerei. Sie sagte einmal: »Ich bin nicht gestorben, und außerdem habe ich etwas, wofür es sich zu leben lohnt: die Malerei«.
Am 30. April dieses Jahres eröffnet in Berlin eine große Retrospektive die die Kunst Frida Kahlos in nahezu umfassendem Ausmaß nach Deutschland bringt. Die Exposition zeigt in den Ausstellungsräumen des Martin-Gropius-Baus über 150 Arbeiten (Malerei und Zeichnungen) der mexikanischen Malerin. Darunter befinden sich nie gezeigte und verschollen geglaubte Bilder, wie zum Beispiel das letzte Werk Frida Kahlos.
Die mexikanische Malerin nutzte ihre Bildwelt als schonungslosen Spiegel ihrer Seele und ihres leidvollen Lebens. Schon in ihrer Zeit nach dem Unfall ließ sie sich einen Spiegel oberhalb ihres Bettgestells installieren, um Selbstbildnisse zu malen. Die Selbstporträts Frida Kahlos sind der Schlüssel zu ihrem Inneren und ziehen sich durch ihre gesamte Schaffenszeit als Malerin. Ihre Bildsprache ist ungeschönt, persönlich und hat eine bildliche Direktheit, die oft auch Bildern aus Kinderhand anhänglich ist. Vereinzelt spricht man von einer naiven und volkstümlichen Malerei, wenn es um die Bilder Frida Kahlos geht. Aber auch ihren Hang zur symbolischen und surrealen Darstellungsweise ließ schon damals die europäische Kunstwelt aufhorchen. Vor allem die französischen Surrealisten um André Breton waren begeistert von Frida Kahlos Bildwelt.
Die turbulente Ehe mit dem bedeutenden mexikanischen Maler Diego Rivera war nicht unwesentlich von Vorteil für Frida Kahlos Einzug in die Kunstwelt Europas und Amerikas. Der einundzwanzig Jahre ältere Rivera war bereits ein angesehener Wandmaler Mexikos, als er die junge Frida 1929 zum ersten Mal heiratete. Die emotional aufwühlende Ehe, die durch Ehebruch und Streitereien zehn Jahre später endete und bereits 1940 – ein Jahr nach der Scheidung – ein zweites Mal besiegelt wurde, war weiterer Nährstoff für Frida Kahlos Kunst. Sie sagte einmal: »Ich habe zwei große Unfälle in meinem Leben gehabt. Den einen mit 18 und der zweite ist meine Verbindung mit Diego Rivera gewesen.«
Die Berliner Ausstellung greift alle Aspekte von Frida Kahlos Kunst auf. Großes Augenmerk legt die Retrospektive dabei auch auf das zeichnerische Werk der Künstlerin und zeigt 90 noch nie zuvor ausgestellte Zeichnungen. Begleitend zur Ausstellung wird eine umfangreiche Fotoschau aus dem Besitz der Familie und nahe stehender Freunde Frida Kahlos gezeigt.
FRIDA KAHLO – RETROSPEKTIVE
30.04.2010 bis 09.08.2010
Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstr. 7/Ecke Stresemannstr. 110, 10963 Berlin
Der Martin Gropius-Bau bleibt am Monatg, dem 3. Mai, ab 15 Uhr für Besucher geschlossen. Grund ist der Staatsbesuch des Präsidenten der Vereinigten Mexikanischen Staaten, Filipe Calderón Hinojosa.

Frida Kahlo »Selbstbildnis mit Samtkleid«, 1926
Privatbesitz, Courtesy Galería Arvil, Mexiko Stadt
© Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Frida Kahlo »Selbstbildnis mit Dornenhalsband«, 1940
Nickolas Muray Collection, Harry Ransom Humanities Research Center, The University of Texas at Austin
© Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010
